Was die Märkte bewegt

14. August 2018

Wie entwickelt sich die globale Konjunktur? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland.

Lagebeurteilung: Der amerikanische Aktienmarkt widersetzt sich den unterschiedlichen Marktereignissen

*basierend auf den per 7.8.2018 publizierten Ergebnissen

Quelle: FactSet, Thomson Reuters I/B/E/S

Gewinnwachstum in % zum Vorjahresquartal (Schätzungen)

*basierend auf den per 7.8.2018 publizierten Ergebnissen

Quelle: FactSet, Thomson Reuters I/B/E/S

Es ist wieder Berichtssaison. Gerade jetzt, wo die fundamentalen Konjunkturdaten kaum vermögen, die Märkte anzutreiben, weil politische Themen im Vordergrund stehen, erweisen sich die Unternehmenszahlen als wichtige Stütze.

In den USA fielen die Ergebnisse zum zweiten Quartal von US-Unternehmen überdurchschnittlich aus. Es erstaunt daher nicht, dass der amerikanische Leitindex S&P 500 über die letzten Wochen nochmals zulegen konnte. Dabei rückte das Allzeithoch vom Januar dieses Jahres in Sichtweite. Gemessen an den Unternehmen im S&P 500 handelt es sich um ein äusserst starkes zweites Quartal, sowohl beim Umsatz wie auch beim Gewinn. Auch die Unternehmensdaten für Europa kann man durchaus als gut bezeichnen. Die Erwartungen waren im Vorfeld der veröffentlichten Zahlen hoch. Die berichteten Ergebnisse bewiesen dann, dass die Unternehmen nicht überschätzt wurden und sie die Erwartungen mehrheitlich übertreffen konnten.

Für den S&P500 Index wurden die Analystenschätzungen im ersten Monat des Quartals jeweils um durchschnittlich 2,2 Prozent reduziert. Aktuell (nach dem ersten Monat im dritten Quartal) wurden die Schätzungen lediglich um 0,6 Prozent reduziert. Dies zeichnet auch für den Rest des laufenden Jahres ein zuversichtliches Gewinnbild in den USA.

Nebst der Präsentation starker Gewinn- und Umsatzzahlen der Unternehmen, entwickelt sich der Handelsdisput weiter. Einigungen, Androhungen und Gegenmassnahmen wechseln sich ab. Dieses Hin und Her verunsicherte die Anleger insbesondere in den asiatischen Aktienmärkten. China antwortet auf die erschwerte Lage mit einer Lockerung der Fiskalpolitik, um das Wachstum vor einer Abschwächung zu bewahren. Auch Investoren von Industriemetallen bereitet die Handelsdebatte Sorgen. Seit Juni haben Industriemetalle Verluste erlitten. Sie leiden insbesondere unter der Befürchtung, Chinas Wirtschaft könnte sich nicht zuletzt wegen des Handelskonfliktes deutlicher als bisher angenommen abschwächen.

Bis Mitte letzter Woche zeigte sich am Zinsmarkt wieder eine leichte Aufwärtstendenz bei den Renditen langfristiger Staatsanleihen. Anleger schienen ihre Nachfrage nach den sicheren Papieren etwas reduziert zu haben. Der jüngste Arbeitsmarktbericht der USA für den Juli war sehr solide und auch die US-Notenbank Fed bestätigt die robuste US-Wirtschaftslage. Doch jüngst kam durch den Kursrutsch der türkischen Lira wieder mehr Verunsicherung auf. Dadurch geriet auch der Euro letzte Woche deutlich unter Druck. Zum Schweizer Franken notierte er das erste Mal seit September 2017 wieder unter 1.14 Franken je Euro.

Fazit

  • Die überraschend starken Unternehmensberichte geben Zuversicht Unternehmensberichte stützen die Aktienkurse.
     
  • Die asiatischen Märkte reagieren bereits negativ auf mögliche Auswirkungen protektionistischer Massnahmen.
     
  • Ein optimistisches Fed, gute Konjunkturdaten und der geldpolitische Kurs stützen die amerikanischen Märkte.

Aktien: Aktienindizes werden von den guten Geschäftszahlen der Unternehmen gestützt

Die laufende Berichtssaison der Unternehmen fällt für die Schweiz und Europa positiv aus. Die Gewinne des zweiten Quartals liegen mehrheitlich im Rahmen oder über den hohen Erwartungen. In den USA kann sogar von einer ausgesprochen guten Gewinnsaison gesprochen werden. Die Unternehmenszahlen erweisen sich derzeit als Hauptstütze für die Märkte.

Die Kurse von Aktienanlagen entwickelten sich im Juli wieder deutlich nach oben. Kurz- bis mittelfristig bestehen aber nebst den berichteten Unternehmenszahlen wenige absehbare Auslöser für ein Übertreffen der bisherigen Indexstände. Dem eher beschränkten Aufwärtspotential tragen wir mit einer neutralen Aktienpositionierung Rechnung.

Die Handelsthematik erhöht die Abwärtsrisiken für die Märkte, weil sie graduell die Anlegerstimmung trübt. Eine deutliche Verschärfung der Konflikte in Form von protektionistischen Massnahmen würde als Beschleuniger eines zyklischen Abschwungs wirken und so die Konjunktur in Mitleidenschaft ziehen. Je nachdem wie stark die jeweiligen Volkswirtschaften vom Aussenhandel abhängig sind, hätten die Handelsbeschränkungen Auswirkungen auf das BIP-Wachstum.

Die Beurteilung aus charttechnischer Sicht: Einmal mehr steht der MSCI World im Widerstandsbereich von 2165 Punkten. Indem einzelne Parameter bereits wieder eine sich abschwächende Aufwärtsdynamik anzeigen, dürfte der neuste Ausbruchsversuch zumindest kurzfristig von wenig Erfolg gekrönt sein. Somit ist vorerst mit einer Fortsetzung der Seitwärtstendenz zu rechnen. Die Konstellation im Wochenchart lässt jedoch durchaus Raum für einen weiteren, möglicherweise erfolgreichen Anlauf in den nächsten Wochen. Sollte ein Bruch des Widerstandsbandes gelingen, wären die bisherigen Allzeithöchststände das nächste Kursziel. Solange dies nicht geschieht, verbleibt der Markt in einer neutralen Trendverfassung.

Für die Schweiz zeigen die Frühindikatoren auf ein für 2018 unverändert solides BIP-Wachstum hin. Eine Abschwächung bei den wichtigsten Handelspartnern infolge eines eskalierenden Handelsstreits würde stark exportorientierte Unternehmen auch hierzulande treffen. Schweizer Aktien, insbesondere die grosskapitalisierten Werte, entwickelten sich in den letzten Wochen erfreulich. Der SMI Index erreichte den höchsten Stand seit Februar.

Fazit

  • Die Berichtssaison zum zweiten Quartal zeigt eine starke Ergebnisentwicklung. Die Unternehmen überzeugen mit übertroffenen Gewinnerwartungen.
     
  • Für die Aktienkurse bestehen dennoch Abwärtsrisiken, welche das grundsätzlich positive Konjunkturumfeld überschatten. In diesem Mix wirken die Unternehmenszahlen sehr stützend für die Kursentwicklungen.
     
  • Handelserschwernisse würden das Wachstum stark exportorientierter Volkswirtschaften belasten.

Zinsen: Die Fed bestätigt das gute Konjunkturumfeld, warnt aber auch vor handelspolitischen Risiken

Seit Mitte Jahr haben sich die 10-jährigen Staatsanleiherenditen in den USA wieder etwas nach oben bewegt. Einen deutlichen Sprung machten sie in der zweiten Julihälfte, was teilweise einem optimistischen Protokoll der amerikanischen Notenbank zum Juni-Meeting zu verdanken war. In den USA zeigt sich zudem eine erhöhte Emission von Staatsanleihen, was eine zinstreibende Wirkung hatte. Deutlich über die 3-Prozent-Marke kommen die 10-jährigen US-Renditen jedoch nicht hinaus. Europäische und Schweizer Staatsanleihenrenditen notieren ebenso etwas höher. Leicht nervös zeigen sich die Investoren in Bezug auf die europäischen Peripherieländer, wo insbesondere in Italien die Zinsen stärker angestiegen sind.

An den jüngsten Meetings hatten die beiden Notenbanken EZB und Fed keine Zinsschritte unternommen. Von der EZB wurde dies ohnehin nicht erwartet und die Fed hatte gerade erst im Juni einen Zinserhöhungsschritt vollzogen. Für das dritte Quartal wird von der Fed mit hoher Wahrscheinlichkeit nochmals ein Zinsschritt erwartet. Dies wäre dann Ende September der Fall. Die Fed spricht von einem sich stetig verbessernden Arbeitsmarkt und einer stabilen Inflationsentwicklung. Seitens EZB brachte das Treffen weder Neuerungen noch Änderungen im Wortlaut. Sie wird ab September die monatlichen Beträge des Anleihenkaufprogramms wie geplant halbieren und dieses voraussichtlich Ende Jahr ganz einstellen.

Als weitere grosse Zentralbank hat auch die Bank of Japan ihr Zinsmeeting abgehalten. Sie hebt sich von den übrigen Zentralbanken dahingehend ab, dass sie nach wie vor äusserst locker agiert. Doch nun hat auch sie erstmals eine Forward Guidance eingeführt, indem sie damit beginnt, ihre zukünftigen geldpolitischen Absichten etwas transparenter darzulegen.

Der allgemeine Zinsanstieg hat die Kursentwicklung klassischer Anleiheindizes belastet. Die Subanlageklassen der Unternehmens- und Hochzinsanleihen profitierten dagegen von einer deutlichen Einengung der Kreditprämien. Das Risikoumfeld im Anleihenbereich war durchaus positiv. Die Beimischung von Katastrophenanleihen hat in den vergangenen Wochen eine erfreuliche Entwicklung gezeigt.

Fazit

  • Die Renditen der 10-jährigen Staatsanleihen haben in den vergangenen Wochen wieder angezogen.
     
  • Unternehmens- und Hochzinsanleihen profitieren vom aktuellen Marktumfeld, während die Kurse klassischer Staatsanleihen unter Druck geraten.
     
  • Die konjunkturellen Datenpunkte in den USA bekräftigen die Fed zur Weiterführung ihres Zinsanhebungspfades. Der dritte Schritt dieses Jahres wird im September erwartet.

Weitere Anlageklassen: Die konjunktursensitiven Industriemetalle und Energierohstoffe spüren die handelspolitischen Konflikte

Immobilien: Der Handelsstreit, den die USA vom Zaun gebrochen haben, scheint insbesondere die Schwellenländer sowie die asiatischen Märkte zu belasten. In den USA stiegen die Zinsen aufgrund des jüngsten Arbeitsmarktberichts und der sich im Rahmen der Erwartungen befindenden Inflation zuletzt nochmals an. Doch die Eskalation des politischen Zwists zwischen den USA und der Türkei in den vergangenen Tagen mit der darauffolgenden Abwertung der türkischen Währung sorgte am Finanzmarkt für Unsicherheit. So wurden vor allem risikoreichere Anlagen abgestossen und im Gegensatz dazu die sicheren Staatsanleihen verstärkt nachgefragt.

Aufgrund der erhöhten Nachfrage notieren die Renditen von Schweizer Eidgenossen wieder deutlich tiefer im negativen Bereich, wodurch die relative Attraktivität von Immobilienanlagen gegenüber Anleihen wieder zugenommen hat. Da auch die Ausschüttungsrendite nach wie vor relativ hoch notiert, konnte der Schweizer Immobilienfondsindex im vergangenen Monat eine positive Kursentwicklung verzeichnen.
 
Rohstoffe: Die Rohstoffpreise tendieren seit Wochen in der Breite leicht abwärts. Der Grund dafür liegt weiterhin im globalen Handelskonflikt, welcher sich momentan insbesondere zwischen den USA und China zuspitzt. Falls es dadurch zu einer Abkühlung der Weltkonjunktur kommen sollte (was sich aktuell zumindest andeutet), würde dies die aktuellen Preisabschläge rechtfertigen – und je nach dem auch noch mehr. Am stärksten betroffen sind naturgemäss die konjunktursensitiveren Industriemetalle und Energierohstoffe. Besonders bei den Industriemetallen sind denn auch die grössten Preisrückgänge zu beobachten.
 
Beim Rohöl hält sich der Preisrückgang in engen Grenzen, da gleichzeitig eine Angebotsverknappung aufgrund der Wiedereinführung der US-Sanktionen gegen den Iran befürchtet wird. Dennoch sind die aktuellen Preise für Rohöl der Sorten Brent und WTI langfristig nicht zu rechtfertigen. Die Preise für Lieferung in der Zukunft zeigen denn auch – in Übereinstimmung mit unserer langfristigen Einschätzung – einen fairen Preis im Bereich von 50 bis 60 US-Dollar pro Fass an.
 
Gold kann seine traditionelle Rolle als sicherer Hafen in Zeiten geopolitischer Spannungen weiterhin nicht spielen. Der erstarkte US-Dollar sowie die höheren US-Realzinsen drücken den Preis weiter in Richtung von 1200 US-Dollar pro Unze.
 
Agrarrohstoffe entwickeln sich, wie so häufig, uneinheitlich. Während beispielsweise der Preis von US-Sojabohnen zeitweise stark unter den chinesischen Zusatzzöllen litt, verteuerte sich Weizen aufgrund von Befürchtungen um schwache Ernten in Nordeuropa und Russland wegen der anhaltenden Dürre. Mittlerweile hat sich aber auch der US-Soja-Preis wieder erholt, da die EU zugesagt hat, mehr Soja aus den USA zu importieren.
 
Wir bleiben Rohstoffen gegenüber vorsichtig eingestellt. Eine weitere Eskalation des globalen Handelskonflikts könnte die Preise belasten – und momentan scheint dies das realistischere Szenario zu sein als eine Aufhebung der bisher verhängten zusätzlichen Zölle.

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