Was die Märkte bewegt

13. Februar 2019

Wie entwickelt sich die globale Konjunktur? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland.

Lagebeurteilung: Fulminanter Jahresstart für Aktien – Stimmung aber weiter von Vorsicht geprägt

Quelle: Bloomberg, Daten per 31.1.19

Fortgeschrittener Leitzinszyklus in den USA

Quelle: Bloomberg, Daten per 31.1.19
Eine Kehrtwende um 180 Grad: Die Aktienmärkte legten einen fulminanten Jahresstart hin. Die tiefe Delle des Dezembers wurde praktisch ausgebügelt. Und trotzdem: Auch wenn es auf den ersten Blick nicht den Anschein macht, ist die Stimmung an den Finanzmärkten weiterhin mehrheitlich von Vorsicht geprägt. Nachdem die Aktienmärkte im Dezember stark überverkauft waren, war eine gewisse technische Gegenbewegung in der kurzen Sicht eine naheliegende Konsequenz. Der übergeordnete Trend hingegen zeigt bei den führenden Aktienindizes trotz der Januar-Rally weiter nach unten.

Spürbar stützend für die allgemeine Lageberuhigung war die US-Notenbank Fed. Im Dezember schlug der Fed-Chef Jerome Powell noch harsche Töne an und meinte, dass die Geldpolitik keine Rücksicht auf einzelne Marktentwicklungen und Anstiege der Volatilität nehme. Dies verstärkte damals die bereits vorhandene Zurückhaltung für riskante Anlagen. An der jüngsten Sitzung im Januar signalisierte Powell, dass die Fed bei Bedarf weiterhin Unterstützung gewährleistet und dass sie bei der Bilanzreduktion behutsam vorgehen werde. Die Worte Powells sorgten vor allem bei jenen Investoren für Beruhigung, die mit einer strafferen Geldpolitik gerechnet hatten.

In den vergangenen Quartalen gab es in regelmässigen Abständen fünf Zinsschritte (siehe Grafik). Nun ruderte die Fed auch bezüglich der Zinserhöhungen zurück. Sie stellte klar, dass sie das derzeitige Zinsniveau aktuell für angemessen hält. Entsprechend werden für die kommenden Sitzungen vorerst keine weiteren Zinserhöhungen erwartet. Doch hinsichtlich der guten Verfassung des US-Arbeitsmarktes stellt sich die Frage, ob eine ausgedehnte Pause im Zinserhöhungszyklus als angemessen betrachtet werden kann.

Ein weiterer Grund sorgte für frischen Wind an den Finanzmärkten: die positiven Ergebnispublikationen in den USA. So haben von den Unternehmen, die ihre Zahlenkränze zum vierten Quartal bzw. zum vergangenen Geschäftsjahr bislang vorgelegt haben, mehr als zwei Drittel positiv überrascht. Bei europäischen Unternehmen liegt der Anteil jener, die die Erwartungen schlagen konnten, jedoch deutlich tiefer.

An den Anleihenmärkten waren die Bewegungen weniger eindeutig als bei den Aktien. In den USA bewegten sich die Renditen seitwärts. Die deutschen "Bunds" und der Schweizer Eidgenosse gaben über die letzten Wochen weiter leicht nach. Grundsätzlich bleiben die konjunkturellen Aussichten eingetrübt, wobei Europa im Vergleich mit den USA mit mehr Gegenwind rechnen muss.

Fazit
 
  • Starker Jahresstart an den Aktienmärkten zum Teil auf technische Gegenbewegung zurückzuführen. Schwankungen lassen nach, Stimmung bleibt aber von Vorsicht geprägt.
  • Zurückhaltender Ton der Fed und überzeugende Zahlenkränze der Unternehmen in den USA tragen zur Lageberuhigung bei.
  • Konjunkturelle Aussichten bleiben eingetrübt, was Wahrscheinlichkeit für nachhaltigen Zinsanstieg einschränkt.

Aktien: Geldpolitische Äusserungen sorgen bei Aktienanlegern für spürbare Beruhigung

Die Indizes aller wichtigen Anlageregionen erholten sich stark zum Jahresbeginn. Diese Entspannung drückt zu grossen Teilen eine technische Reaktion auf die negative Marktrichtung in den Wochen zuvor aus. Ebenfalls kursfördernd waren die zurückhaltenden Äusserungen der Notenbanken. Sie liessen die Investoren auf eine langsamere geldpolitische Normalisierung hoffen, was Aktienanlagen entgegen käme.

Während es im Dezember noch die zyklischen Sektoren waren, die sich besonders schwach entwickelten, sind es im neuen Jahr gerade die Zykliker, die die grössten Kursgewinne verbuchen können. Dies ist zwar ein Zeichen dafür, dass die Risikofreude der Anleger wieder zurück ist. Doch die generelle Marktsituation deutet eher darauf hin, dass Vorsicht angebracht ist. Politische Risiken gepaart mit Zeichen der Konjunkturschwäche bergen das Risiko, die Märkte nochmals zu verunsichern. Defensive Werte sind deshalb nach wie vor gegenüber den konjunktursensitiveren Zyklikern zu bevorzugen.

Beim Thema Handelsdisput zwischen China und den USA wechseln sich Annährung und Rückschläge ab, wobei spürbare Reaktionen des Marktes selten ausbleiben. Diese Anfälligkeit auf Meldungen gibt Anlass zur Sorge, dass die aktuelle Lage lediglich eine zwischenzeitliche Beruhigung und Rückschläge eine unmittelbare Gefahr darstellen. Aus diesem Grund bieten die gestiegenen Kurse die Chance zu einer weiteren Risikoreduktion.

Die Charttechnik beurteilt die Lage wie folgt: In den letzten Wochen konnte sich der MSCI World von der Kursschwäche des vierten Quartals erholen. Bis zur ersten Februarwoche holte der Markt gut 60 Prozent der vorherigen Kursverluste wieder auf. Da es aktuell noch keine konkreten Umkehrsignale gibt, könnte sich die Kurserholung noch etwas fortsetzen. Sofern sich das Szenario einer übergeordneten Korrektur als richtig erweist, dürfte das weitere Aufwärtspotential jedoch relativ gering ausfallen. Nach Abschluss der Erholungsbewegung müsste der MSCI World wieder stärker unter Druck kommen und über kurz oder lang auch die bisherigen Tiefstkurse unterschreiten. Somit ist auch aus technischer Sicht weiterhin eine defensive Portfoliopositionierung angezeigt.

Fazit
 
  • Die Aktienkurse setzten ihre Anfang Jahr gestartete Erholung über den gesamten Januar hinweg fort, wobei zyklische Sektoren bevorzugt waren.
  • Zunehmend schwächere Konjunkturdaten und reduzierte Gewinnerwartungen bei den Unternehmensberichten warnen vor einer allzu positiven Einschätzung.
  • Bei den Themenpunkten Handelskonflikt und Brexit bleiben Lösungen noch aus, was den Märkten anhaltende Unsicherheiten beschert.

Zinsen: Fed schlägt deutlich vorsichtigeren Ton an

Nach den Anstiegen zu Jahresbeginn sind die Renditen der 10-jährigen Staatsanleihen in der Schweiz, in Europa sowie in den USA seit Mitte Januar wieder gesunken. Für Bewegung bei den Zinsen in den USA sorgten unter anderem der Arbeitsmarktbericht und die Fed-Sitzung Ende Januar. Letztere sorgte für Aufmerksamkeit, weil Fed-Chef Jerome Powell beschwichtigende Worte für die weitere geldpolitische Straffung seitens der Fed äusserte. Es ist davon auszugehen, dass die Fed nun eine Pause einlegt. Dies würde bedeuten, dass ein nächster Leitzinsschritt nicht vor Jahreshälfte erfolgen wird. Und es ist zudem wahrscheinlich, dass das Ende des Zinszyklus nicht mehr lange auf sich warten lässt.

Aber nicht nur die Fed zeigt sich von einer zurückhaltenderen Seite. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) dämpft mit ihren Äusserungen die Hoffnung auf baldige Zinserhöhungen. Es sind vor allem der ungewisse Ausgang im Brexit-Prozess, schwächere Konjunkturdaten aus Europa sowie der Handelszwist zwischen China und den USA, welche für eine weiterhin lockere Geldpolitik sorgen dürften. EZB-Präsident Mario Draghi deutet zudem mögliche Interventionen bei einer anhaltenden Abschwächung an.

Die Kombination aus möglichen negativen Überraschungen, rückläufigem Inflationsdruck und Signalen der Konjunkturverlangsamung sprechen dafür, dass sich steigende Zinsen wohl nur bedingt durchsetzen können. Die Aussagen der Notenbanken bekräftigen diese Einschätzung.

Hochzinsanleihen, die im 2018 eine negative Jahresentwicklung auswiesen, profitieren seit Jahresbeginn deutlich von der Einengung der Kreditrisikoprämien. Die Kursverluste des vierten Quartals konnte dabei schon fast wieder wettgemacht werden. Wandelanleihen, die ihren Anstieg der Aktienkomponente verdanken, konnten ebenfalls erfreulich abschneiden.

Fazit
 
  • Der kurze Anstieg bei den Anleiherenditen wurde im Monatsverlauf unterbrochen und 10-jährige Staatsanleihen verzeichneten einen Renditerückgang.
  • Das jüngste Fed-Statement hat die geldpolitische Steuerungsbereitschaft der Notenbanken in Erinnerung gerufen.
  • Die Konjunkturabschwächung in Europa und den USA sowie die Unsicherheiten bezüglich Brexit und Handelsdisput erschweren es, das Leitzinsniveau anzuheben.

Weitere Anlageklassen: Goldpreis setzt seine Erholung auch im neuen Jahr fort

Immobilien: Der kürzlich veröffentlichte Immobilienblasenindex der UBS zeigt einen Rückgang der Preise per Ende 2018 an. Da auch die Konsumentenpreise, die Einkommen sowie die Mieten gesunken sind, verharrte der Index auf erhöhtem Niveau.

Im Vergleich zum Höchststand von Mitte 2017 hat sich die Situation am Schweizer Immobilienmarkt jedoch entspannt. Die Immobilienfonds sind stark ins neue Jahr gestartet. Der Kursanstieg geht einher mit einem abermaligen Rückgang der Renditen 10-jähriger Staatsanleihen sowie einer höheren Nachfrage aufgrund der gesunkenen Bewertungen der Immobilienfonds.

Rohstoffe: Anleger von Gold blicken auf einen soliden Jahresstart zurück. Trotz der positiveren Marktstimmung und der besseren Realverzinsung hielt sich der Goldpreis stabil und konnte gegen Ende Januar nochmals zulegen. Hier wirkte auch die Aussicht auf ein deutlich gedrosseltes Tempo bei den US-Zinserhöhungen.

Erholt haben sich auch die Preise von Industriemetallen. Sie verdanken ihren Preisanstieg den Hoffnungen in Bezug auf die Handelsgespräche zwischen China und den USA. Industriemetalle würden von einer nachhaltigen Einigung am stärksten profitieren. Die zurückhaltendere Rhetorik der Fed half zusätzlich. Die Ölnotierungen erholten sich nach dem Tiefpunkt Ende 2018. Doch die Angebots- und Nachfragesituation grenzen eine weitere Preiserholung ein. Obwohl das Angebot infolge geringerer Fördermengen der OPEC-Staaten eher tief bleiben dürfte, sind gleichzeitig eben auch die Treiber für eine starke Nachfrage nach Öl bescheiden.

Auf dem Markt für Versicherungsanleihen gab es eine Erholung bei den Preisen, nachdem im Dezember aufgrund von Naturereignissen noch ein erschwertes Umfeld herrschte. Die rege Emissionstätigkeit dürfte in der laufenden Erneuerungssaison zu höheren Risikoentschädigungen für die Anleger führen. Ausserdem eignen sich diese sogenannten Cat Bonds gut zur Diversifikation im Portfolio, da die Renditetreiber grösstenteils von den Finanzmärkten abgekoppelt sind.

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