Was die Märkte bewegt

12. Dezember 2018

Wie entwickelt sich die globale Konjunktur? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland.

Lagebeurteilung: Handelsdiskussionen reissen nicht ab – damit erschweren sie das Umfeld für sämtliche Anlageklassen

Herausforderndes Umfeld für sämtliche Anlageklassen

In den vergangenen Wochen war die Grosswetterlage an den Finanzmärkten recht wechselhaft. An den wichtigsten Aktienbörsen folgte auf den Kurszerfall im Oktober ein heftiges Auf und Ab. Dies lässt auf ein Kräftemessen zwischen Bullen und Bären schliessen. Beide Lager führen nachvollziehbare Argumente ins Feld: Die Börsenoptimisten verweisen angesichts der zuletzt rückläufigen Zinsentwicklung und der Bewertungskorrekturen an den Aktienmärkten auf die günstigen Wiedereinstiegskurse und die grundsätzliche Alternativlosigkeit von Aktien. Auch die "taubenhafteren" Aussagen des US-Notenbankchefs Jerome Powell liess die Börsenbullen zwischenzeitlich aufatmen. Bei den Börsenpessimisten wiederum wird auf die nachlassende Konjunkturdynamik in den grossen Wirtschaftsräumen sowie auf die teilweise Invertierung der Zinskurve verwiesen. Hier wird entsprechend mit Rezessionsängsten argumentiert.
 
Die Grafik zeigt einen Überblick über die Entwicklung der einzelnen Anlageklassen in den vergangenen Jahren. Dabei erweist sich 2018 als äusserst herausforderndes Anlagejahr. Es gab praktisch keinen Anlagebereich, welcher einen positiven Beitrag leisten konnte. Die Verluste sind zwar breit über die Anlageklassen hinweg verteilt, doch betragsmässig gab es in früheren Jahren schon weitaus höhere Verluste in einzelnen Anlageklassen.
 
Die ersten Handelstage im Dezember zeigten die Fragilität der zwischenzeitlichen Erholung. Das Ausbleiben einer wirklich nachhaltigen Beruhigung im Handelsdisput schwächte das Anlegervertrauen und schickte die Kurse nochmals auf Talfahrt. Nach dem G20-Gipfel kam Euphorie auf, weil Anleger auf bessere Handelsbeziehungen hofften. Doch konkrete Lösungen fehlen und während der 90-tägigen Schonfrist müssen noch wichtige Streitthemen geklärt werden, ehe es zu einer Annäherung kommen kann.
 
Die Lage bleibt damit angespannt und den grundsätzlich soliden Fundamentaldaten gelingt es kaum, die Märkte zu stützen. Die aktuellen Schwankungen sind damit zwar ungewohnt, aber deswegen noch nicht besorgniserregend. Der Fokus auf defensiv ausgerichtete Sektoren zahlt sich in diesem Umfeld aus, während zyklische Titel aufgrund der angespannten Situation besser gemieden werden sollten.
 
In der laufenden Woche stehen mit der SNB und der EZB gleich zwei Notenbanksitzungen an. Von beiden sind keine Massnahmen zu erwarten – weder in Bezug auf den Leitzins, noch Änderungen am weiteren geldpolitischen Kurs. Auch die US-Notenbank Fed und Bank of England setzen sich Mitte Dezember noch zusammen. Von ersterer wird mit grosser Sicherheit ein Zinsschritt erwartet. Dieser neunte Schritt wird das Band für den Leitzins auf 2,25 bis 2,50 Prozent anheben.
 
Fazit
 
  • Börsenoptimisten und -pessimisten finden beiderseits Gründe für ihre Markteinschätzung, wodurch auch die Schwankungen am Aktienmarkt zu erklären sind.
  • Die nervöse Anlegerstimmung verhinderte in praktisch allen Anlageklassen eine positive Rendite.
  • Geldpolitisch endet in den USA ein von Zinserhöhungen geprägtes Jahr. 2019 dürfte die Fed aber Tempo rausnehmen. Eine Pause im ersten Halbjahr 2019 scheint damit höchstwahrscheinlich zu sein.

Aktien: Anleger ziehen sich zurück und meiden vor allem zyklische Sektoren

Schweizer Aktien blieben vom allgemeinen Kursrückgang nicht verschont. Auffällig für den hiesigen Markt sind jedoch die Unterschiede unter den Unternehmen. Fast die Hälfte der Unternehmen im SLI haben in den letzten vier Wochen mehr als 10 Prozent verloren, während Swisscom als einziger Wert knapp im Plus liegt. Besonders die grosskapitalisierten defensiven Unternehmen erwiesen sich als wichtige Stabilisatoren im herausfordernden Umfeld. Ein Beispiel ist Roche, welches dank positiver Produktnews den Kurs halten konnte und durch seine hohe Gewichtung im Index ein tieferes Abgleiten des Gesamtmarktes verhinderte.

Am internationalen Aktienmarkt kam es zu ausgeprägten Schwankungen. Sie waren die Reaktion auf Hoffnungen und Enttäuschungen bezüglich Handelsdiskussionen zwischen den USA und China. Der G20-Gipfel war hierbei im Fokus der Marktbeobachter, da sich die Staatschefs beider Konfliktparteien hier trafen. Vorerst gibt es eine 90-tägige Stillhaltevereinbarung im Zollstreit und konkrete Lösungen stehen noch aus. Bis sich die Lage beruhigt hat und die Spannungen sich zurückgebildet haben, sind defensive Sektoren klar im Vorteil. So bewiesen Gesundheitswerte, Versorger oder Immobilienwerte ihre Stabilität, indem sie sich gegenüber den konjunktursensitiven Zyklikern deutlich besser schlugen.
 
Die Charttechnik sendet derzeit keine einheitlichen Signale aus. Nach zwei kurzen Erholungsversuchen Anfang und Ende November steht der MSCI World zwar aktuell wieder in der Unterstützungszone um 1‘950 Punkten. Im Verlaufe der letzten Wochen hat der Markt dabei sogenannte positive Divergenzen ausgebildet. Die Chancen sind damit intakt, dass die Unterstützung erneut verteidigt werden kann und es in der Folge mindestens temporär zu einer Entspannung der Lage kommt. Offen bleibt allerdings die Frage, ob der MSCI World bereits in einer übergeordneten Korrektur steht oder ob der langfristige Aufwärtstrend noch um ein Teilstück verlängert werden kann. Eine zeitnahe Kursumkehr und eine Rückeroberung des 200-Tagedurchschnitts sprächen klar für eine nochmalige Fortsetzung des Aufwärtstrends, während ein nachhaltiger Verlust der Unterstützungszone das Korrekturszenario in den Fokus rücken würde. Somit stehen dem Markt wegweisende Wochen bevor.
 
Fazit
 
  • Grosskapitalisierte Unternehmen trugen zur vergleichsweise guten Entwicklung des Schweizer Aktienmarktes bei.
  • Das Aufeinandertreffen der Staatschefs von China und der USA am G20-Gipfel sorgte im Vorfeld sowie im Nachgang zwar für reichlich Gesprächsstoff, aber wenig Konkretes.
  • Europas Konjunkturdynamik flaut ab, während die soliden Aussichten für die USA bestätigt wurden.

Zinsen: Renditen wegen Suche nach Sicherheit weltweit unter Abgabedruck

Die Renditen von 10-jährigen Staatsanleihen waren im November allesamt rückläufig. Die Zinsen kamen aufgrund des negativen Sentiments rund um Handelskonflikt und politische Unsicherheit unter Druck. Im Ausverkauf am Aktienmarkt waren sichere Häfen stark gefragt, was Anleger in die als sicher geltenden Staatsanleihen drängte. Die Rendite von Schweizer Eidgenossen und deutschen Bundesanleihen erreichte ihren tiefsten Stand in diesem Jahr.

Aber auch in den USA kam es zu einem deutlichen Rückgang, wobei die 10-jährige US-Treasury-Rendite wieder deutlich unter der psychologisch wichtigen 3-Prozent-Marke zu liegen kam. Dies, nachdem in der ersten Novemberhälfte noch ein neues Jahreshöchst erreicht wurde. Keine Stütze bot dabei der für den November publizierte US-Arbeitsmarktbericht, der als eher schwach interpretiert wurde, denn die Anzahl neugeschaffener Stellen blieb deutlich hinter den Erwartungen. Aber auch vorsichtige Äusserungen von Notenbankern sowie technische Faktoren waren für den relativ starken Rückgang der US-Renditen verantwortlich.
 
Während damit die Kurse von Staatsanleihen eine gute Entwicklung verzeichneten, hatten es Hochzinsanleihen wegen anhaltender Ausweitung der Kreditrisikoprämien schwerer. Die Schwäche von Energietiteln trug wesentlich dazu bei.
Der Dezember steht nun ganz im Zeichen von Notenbanksitzungen. In den USA ist ein Leitzinsschritt fast sicher und in der Schweiz und in Europa werden Hinweise auf die konjunkturelle Einschätzung wohl die spannendste Information sein. Änderungen an der geldpolitischen Ausrichtung werden hier nicht erwartet.
 
Fazit
 
  • Die gesunkene Risikobereitschaft hat zum Zinsrückgang in den drei Hauptregionen Schweiz, Europa und USA geführt.
  • Vor Jahresende treffen sich sämtliche grossen Notenbanken noch einmal zur geldpolitischen Lagebeurteilung. Nur von der Fed wird in diesem Jahr noch ein Leitzinsschritt erwartet.

Weitere Anlageklassen: Nach dem OPEC-Treffen stabilisiert sich der Ölpreis auf tieferem Niveau

Immobilien: Im November kam es auch im Schweizer Immobilienfondsindex zu grösseren Schwankungen. Das durchschnittliche Agio der Immobilienfonds hat sich dabei tendenziell verringert und sich wieder einem faireren Wert angenähert. Für Anleger sind das gute Nachrichten, macht doch der geringere Aufschlag Immobilienanlagen attraktiver. Anfang Dezember legte der Immobilienfondsindex allerdings wieder zu. Doch zusammen mit der Ausschüttungsrendite behält der Sektor seine Anziehungskraft vor allem für Pensionskassen. Der Rückgang des Immobilienblasenindex der UBS sorgte ebenfalls für etwas Aufmunterung: Er befindet sich zum ersten Mal seit Mitte 2012 nicht mehr in der Risikozone.
 
Rohstoffe: In den letzten vier Wochen entwickelten sich Rohstoffe ziemlich stabil. Die Ausnahme bildete Rohöl, bei welchem es zu ausgeprägten Preisentwicklungen in die eine wie die andere Richtung kam. Nachdem die Iran-Exportbeschränkungen weniger strikt als befürchtet ausfielen und zudem von anderen Anbietern problemlos kompensiert werden konnten, kam der Ölpreis zunächst unter Druck.

Der Austritt Katars aus der OPEC kurz vor dem halbjährlichen Treffen des Erdöl-Kartells wirkte sich hingegen wiederum kurstreibend aus. Auch wenn Katar selbst kaum einen materiellen Einfluss auf die Ölbilanz hat, hatte die Ankündigung des Austritts eine Signalwirkung. Katar gehört seit 1961 zur OPEC und die Befürchtung besteht, dass auch andere Mitglieder ihre Zugehörigkeit in Frage stellen könnten. Beim darauffolgenden OPEC-Meeting einigten sich die Staaten auf eine Drosselung der Ölforderungen, welche am Markt mit einem leichten Preisanstieg vergolten wurde. Der Ölpreis bleibt damit auf tiefem Niveau stabilisiert.
 
Beim Gold kam es indes zum lange erwarteten Preisanstieg, nachdem es bislang seiner Rolle als Stabilisator trotz Marktturbulenzen nur teilweise gerecht wurde. Industriemetalle leiden zwar nach wie vor unter dem Zollstreit, doch konnten sie sich in den vergangenen vier Wochen vergleichsweise stabil halten.

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