Was die Märkte bewegt

10. Oktober 2018

Wie entwickelt sich die globale Konjunktur? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland.

Lagebeurteilung: Aktienumfeld profitiert von starken Wirtschaftsdaten, Handelsthematik bleibt präsent

Quelle: Bloomberg

Handelskrieg trifft China

Quelle: Bloomberg
Die Risikofreude der Investoren hatte sich im September verbessert. Insbesondere in Europa hellte sich die Anlegerstimmung auf, auch wenn hier mit den schleppend verlaufenden Brexit-Verhandlungen und der eurokritischen Regierung in Italien zwei Unsicherheitsfaktoren vorhanden sind. Einen robusteren Anstieg verzeichnen jedoch die US-Aktienmärkte. Sie dominieren die Anlageregionen dank einer starken Performance der Energie- und Gesundheitswerte.
 
Der Handelskonflikt zwischen den USA und China ist unterdessen weiter eskaliert. Die US-Regierung machte ihre im Sommer ausgesprochene Drohung wahr und setzte in der letzten Septemberwoche Sonderzölle auf weitere chinesische Waren im Volumen von 200 Milliarden US-Dollar in Kraft (siehe Grafik). Zur Freude der Anleger wurde dieser Teil jedoch lediglich mit 10 Prozent statt der bisherigen 25 Prozent belegt. Die Märkte reagierten darauf erleichtert. Ab Januar 2019 sollen dann die gesamten 250 Milliarden US-Dollar mit der ursprünglich angekündigten Abgabe von 25 Prozent belegt werden. Die chinesische Regierung hatte umgehend Vergeltungsmassnahmen angekündigt. Da aber China viel weniger Waren aus den USA importiert als umgekehrt die USA aus China beziehen, sind die Möglichkeiten der chinesischen Regierung für direkte Gegenmassnahmen begrenzt.
 
Wie sich der Konflikt auf die Realwirtschaft auswirkt, wird sich vermutlich erst in einigen Monaten zeigen. Die Welthandelsorganisation WTO hat ihre Prognose für den globalen Warenhandel zwar schon reduziert. Die Finanzmärkte zeigen sich bislang aber wenig beeindruckt. Der Grund: Die Wirtschaft wächst in vielen Sektoren in den wichtigsten Regionen weiterhin deutlich. Die Auftragsbücher der Unternehmen sind vielerorts prall gefüllt. Und die Stimmung der Konsumenten – ein wichtiger Faktor für die Binnennachfrage – präsentiert sich beiderseits des Atlantiks ebenfalls robust.
 
Die Geldpolitik bleibt in den grossen Währungsräumen bis auf weiteres stimulierend. Allerdings driften die Leitzinsen immer weiter auseinander. Denn die US-Notenbank Fed hatte an ihrer Septembersitzung wie erwartet das Zielband für den Leitzins um einen Viertelprozentpunkt auf 2,00 bis 2,25 Prozent erhöht. Und die Notenbanker rechnen nach wie vor mit einem weiteren Zinsschritt bis Ende 2018 und danach noch mit vier Leitzinserhöhungen bis Ende 2020. Fed-Chef Jerome Powell hatte jüngst in einer Rede zu verstehen gegeben, dass man dabei über den neutralen Zins hinausgehen könnte, der weder stimulierend noch bremsend für die Wirtschaft ist. Dieses Niveau dürfte Schätzungen zufolge bei rund 3 Prozent liegen. Zugleich liess Powell durchblicken, dass der Zinsausblick, die sogenannte forward guidance, aufgrund der schwer abzuschätzenden Wirtschaftsentwicklung mit einer gewissen Unsicherheit behaftet ist.
 
Auch in Europa hielten die Zinsentscheidungen der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Schweizerische Nationalbank (SNB) keine Überraschungen bereit. Während aber die Fed den Leitzins zum mittlerweile achten Mal angehoben hat, nahm die EZB den Fuss nur leicht vom geldpolitischen Gaspedal und halbierte das Volumen ihrer monatlichen Anleihenkäufe wie zuvor in Aussicht gestellt auf 15 Milliarden Euro. Darüber hinaus hat die EZB bekräftigt, die Leitzinsen bis "mindestens über den Sommer 2019" auf dem aktuellen – rekordtiefen – Niveau zu belassen. Die SNB hat ihre Leitzinsen wie erwartet ebenfalls nicht angerührt. Da sich die Währungshüter um Thomas Jordan primär an der Zinsdifferenz zur Eurozone orientieren, dürften sie bezüglich Zinserhöhung den ersten Schritt der EZB abwarten.
 
Die globale Entwicklung der Wirtschaft kann weiterhin als positiv beurteilt werden und die dynamische Gewinnentwicklung der Unternehmen dürfte sich in den nächsten beiden Quartalen auf hohem Niveau fortsetzen.
 
Fazit
 
  • Die US-Aktienmärkte haben die Nase vorn und zeigen weiterhin einen starken Lauf.
  • Die Geldpolitik in den grossen Währungsräumen bleibt bis auf weiteres stimulierend. Die Zinsdifferenz zwischen den USA und Europa nimmt weiter zu.
  • Weitere Sonderzölle auf US-Importe aus China sind in Kraft, der Handelskonflikt bleibt Marktthema.

Aktien: Kursentwicklung wird vom Zinsanstieg gebremst

Den Aktienindizes gelingt im September eine deutliche Erholungsbewegung. Dynamisch zeigen sich dabei weiterhin die US-Aktienmärkte. Sie sind es auch, welche zu Beginn des Oktobers am geringsten auf den globalen Zinsanstieg reagierten. Dieser führte im breiten Markt zu Kursabgaben und folglich zu einem kurzzeitigen Ausschlag der Volatilität.
 
Geholfen hat den US-Titeln, dass die per 24. September eingeführten Zollabgaben auf Importe aus China mit 10 Prozent statt der angekündigten 25 Prozent deutlich geringer ausgefallen sind. In Europa drückten Diskussionen um den neuen italienischen Haushaltsplan derweil auf die Aktienmarktstimmung. Japan zeigt eine ausgesprochen starke Kursentwicklung, denn die Anlageregion profitiert von einer weiterhin lockeren Geldpolitik, welche das solide Wirtschaftswachstum noch mehr begünstigt.

Im Schweizer Aktienmarkt entwickelte sich der Swiss Market Index dank der defensiven grosskapitalisierten Werte deutlich besser als Indizes von kleineren und mittleren Unternehmen. Insbesondere Titel des Gesundheitssektors liessen ihre frühere Schwächephase endgültig hinter sich. Die attraktive Bewertung, die soliden Gewinnerwartungen und eine geringe Abhängigkeit von den handelspolitischen Massnahmen sprechen weiterhin für eine vielversprechende Wertentwicklung von einheimischen Dividendentiteln.
 
Die Entwicklung der vergangenen Wochen zeigt, dass einzelne Aktien vom internationalen Handelsdisput nicht verschont bleiben, sich dessen Effekte aber noch nicht auf realwirtschaftliche Daten und damit auf die Geschäftsgänge der Unternehmen auswirken konnten. Solange dies der Fall bleibt, profitieren Aktienanlagen von der robusten Konjunkturentwicklung, welche die grossen Volkswirtschaften unverändert prägt.
 
Fazit
 
  • Die Aktienmärkte erholten sich im September, bevor sie vom globalen Zinsanstieg zurückgehalten wurden.
  • Die Aktienkurse werden durch die intakte Wirtschaftsverfassung gestützt.
  • Der Handelskonflikt bleibt ein latentes Risiko, wobei bisherige Effekte mehrheitlich auf die Stimmung, jedoch noch nicht auf realwirtschaftliche Daten wirkten.

Zinsen: Europas Quantitative Easing neigt sich dem Ende zu

Der September war ein Monat der Zinsanstiege. In allen Hauptregionen haben die 10-jährigen Staatsanleihenrenditen angezogen. In der Schweiz nahm sich der Eidgenosse einmal mehr die Nullprozentmarke vor und im Monatsverlauf hat er sie dann auch übersprungen. Zum Anstieg der Zinsen hat die weniger risikoscheue Anlegerstimmung am Markt geführt. Der stärkste Anstieg erfolgte im US-Zinsmarkt. Aus den USA kamen weiterhin gute Kennzahlen wie beispielsweise die Konsumentenstimmung mit Mehrjahreshöchstwert und einer Inflation, welche sich sehr nah am gewünschten Notenbankziel bewegt.
 
Am Zinsmeeting Ende September sah sich die amerikanische Notenbank daher auch bestätigt, den von allen Seiten erwarteten Leitzinsschritt zu vollziehen. Damit beträgt das Zinsband nun 2,00 – 2,25 Prozent. Die Chancen für noch einen Schritt im Dezember sind nach der Sitzung nochmals gestiegen. Für 2019 geht die Fed aktuell von drei weiteren Leitzinserhöhungen aus. Trotz der Kritik von US-Präsident Trump, begründet die solide Konjunkturverfassung die höheren Zinsen. Aber nicht nur die Fed, sondern auch die Bank of England, die EZB und die SNB trafen sich im September zur geldpolitischen Lagebeurteilung. Die drei Notenbanken beliessen ihre Leitzinsen auf dem bisherigen Niveau. Zuletzt erhöhte die britische Notenbank ihre Leitzinsen im August. Die Bank of England kämpft einerseits gegen die anziehende Teuerung an, muss andererseits aber auch die Konjunkturgefahren durch den Brexit im Auge behalten.
 
In Europa gilt seit Oktober eine um die Hälfte reduzierte monatliche Anleihenaufkaufsumme bis Ende Jahr. Dann soll das Quantitative Easing beendet werden. Die SNB hatte im Rahmen ihrer geldpolitischen Sitzung die Inflationsprognose leicht nach unten angepasst. Grundsätzlich bleibt die makroökonomische Situation in der Schweiz solide mit einer steigenden Beschäftigung, guter Industrieproduktion sowie einer sich seit Mai diesen Jahres oberhalb von 1 Prozent befindenden Inflation.
 
Auf Ebene der Anleihensegmente zeigte sich in den vergangenen Wochen eine Erholung der Schwellenländeranleihen, welche im Vormonat noch deutliche Abgaben verzeichnet hatten. Auch die Einengung der Kreditrisikoaufschläge hat bei risikobehafteten Subanlageklassen wie Hochzinsanleihen zu Kursgewinnen geführt.
 
Fazit
 
  • In den letzten Wochen kam es zu einem markanten Zinsanstieg in der Schweiz, Europa und Nordamerika. Auslöser dafür waren die komfortable Ausgangslage der US-Konjunktur und der geldpolitische Pfad der Fed.
  • Der geldpolitische Kalender war im September mit Notenbankmeetings gefüllt. Die Fed erhöht die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte.
  • Seit diesem Monat fährt die EZB ihr Anleihenkaufprogramm weiter zurück, indem sie das monatliche Kaufvolumen auf 15 Milliarden Euro halbiert. Ende Jahr soll dann Schluss sein mit dem Quantitative Easing.

Weitere Anlageklassen: Anstieg im Ölpreis primär geopolitisch getrieben

Immobilien: Dem globalen Zinsanstieg konnten sich die Renditen der Eidgenossen nicht entziehen und notieren nun wieder deutlicher im positiven Bereich. Die rege Emissionstätigkeit im Verlauf des Monats belastete den Immobilienfondsindex zusätzlich, weil das Kapital nicht ohne Mühe vom Markt absorbiert werden konnte. Daraus resultiert für die Immobilienanlagen eine negative Kursentwicklung. Trotz all dem bieten Immobilienanlagen nach wie vor relativ hohe Ausschüttungsrenditen, was im Vergleich zu Schweizer Obligationenanlagen attraktiv ist.
 
Rohstoffe: Der breite Rohstoffindex konnte im vergangenen Monat leicht zulegen, wobei sich jedoch relativ starke Unterschiede zwischen den einzelnen Segmenten zeigten. Am stärksten zulegen konnte der Energiebereich, gefolgt durch die Industriemetalle. Die Erholung bei den Industriemetallen ist auf die zunächst geringer als befürchtet ausgefallenen US-Zölle zurückzuführen. Ebenfalls stützend dürfte sich das neu verabschiedete Freihandelsabkommen zwischen den USA, Mexiko und Kanada auswirken. Im Gegensatz dazu haben die Agrarrohstoffe und die Edelmetalle an Wert verloren. Trotz der vorangehenden Zinsnormalisierung in den USA, sowie den weiter steigenden Realzinsen behauptet sich Gold relativ gut.
 
Öl der Sorten WTI sowie Brent haben nochmals stark zugelegt. Diese Ölpreisentwicklung wird momentan durch den drohenden Produktionsrückgang im Iran, die Produktionsunterbrechung in Venezuela und die geringere Anzahl Bohrtürme in den USA getrieben. Die Forderungen von Präsident Trump, die Produktion in Saudi Arabien auszuweiten, bleiben zumindest vorübergehend ungehört und das Treffen zwischen OPEC und NOPEC Länder hatte zu keiner Veränderung der Produktionsmengen geführt.
 
Unter dem Eindruck der Handelsstreitigkeiten bleiben wir Rohstoffen gegenüber weiterhin vorsichtig eingestellt. Die Ölnotierungen von über 80 USD pro Fass erscheinen weitgehend abgekoppelt zu sein von einem fundamental gerechtfertigten Preis. Selbst nach der Einigung über ein Folgeabkommen der NAFTA ist eine komplette Rückbildung der Risiken aus den globalen Handelskonflikten unrealistisch.
 
Auf Seite der Versicherungsanleihen sieht das Bild für die Investoren gut aus. Die Hurrikansaison im Atlantik neigt sich langsam dem Ende zu, was für ein Aufatmen sorgen dürfte. Die grösste bisherige Bedrohung war Hurrikan "Florence", welcher – eingestuft als Kategorie 4 (höchste Stufe 5) - auf die US-Westküste zusteuerte. Dank günstiger Wetterkonditionen schwächte sich der Sturm deutlich ab und traf schliesslich als Kategorie 1 auf North Carolina. Die erwarteten Versicherungsschäden bleiben vergleichsweise tief, sodass keine signifikanten Einbussen erwartet werden. Unter dieser Annahme dürfte die Preisentwicklung in den kommenden Monaten dem üblichen saisonalen Muster folgen und zu leichten Wertsteigerungen führen.

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